Sehr geehrter Olafur Eliasson,
Im Juni 2001, ich war gerade in meinem Heimatland für ein Auslandssemester,
hatte ich einen sehr merkwürdigen und eindringlichen Traum: Ich sah eine Projektion auf einer weißen Wand.
Nach der längeren Betrachtung der Projektion stellte ich fest, dass es sich um meinen eigenen Schatten handelte, einem Kernschatten, umsäumt von verschiedenfarbigen Schattenrändern, in den jeweiligen Komplementärfarben rechts und links neben dem Kernschatten. In diesem Fall gelb und weißgelb auf der einen, und rot- und blauviolett auf der anderen Seite.
Ich merkte daran, dass es sich um meinen Schatten handelte, dass als ich mich bewegte, sich dieser mit bewegte, und auch die Farben veränderten sich durch Überlagerung.
Dann hatte ich ein Gefühl, als tippte mir jemand auf die Schulter. Dieser Jemand zeigte mir dann die genaue Versuchsanordnung, wie diese Schatten entstanden. Demnach waren mehrere farbige Strahler im Spiel, die zusammengemischt auf der Wand ein optisches Weiß ergaben.
Aus dem Traum aufgewacht und noch in diesen versunken, notierte ich diesen sogleich fieberhaft. Ich hatte das eindeutige Gefühl, eine großartige Entdeckung gefunden zu haben, und dazu eine Lösung auf viele Fragen, die sich zuvor bei mir aufgeworfen hatten. Auch ahnte ich damals schon die mögliche Tragweite meiner Entdeckung für meine Kunst.
Die Originalskizze von dieser Aufzeichnung habe ich hier in einem meiner zahlreichen Aufzeichnungsbücher vorliegen, nummeriert und datiert. Ich betrachte diesen Traum als ein persönliches Geschenk, denn ich hatte mich in meinem Philosophiestudium mit Husserl, Josef Albers, Itten und Bergson auseinandergesetzt, später dann während meinem Studium der Kunst vermittelt durch meinen damaligen Professor mit Goethe, Newton, Runge und Castaneda.
Seitdem arbeite ich fieberhaft an der Realisation der farbigen Schatten von menschlichen Körpern, wie ich sie in dem Traum gesehen hatte. Ich klapperte alle Elektroläden ab, nach dem passenden Material, investierte mein letztes Bafög, und färbte schließlich die Glühbirnen selbst mit Tauchlack ein, weil es die in der passenden Farbe nicht zu kaufen gab.
Meine derzeitige Versuchsanordung besteht aus 4 Rasierspiegeln, die als Reflektor dienen, und die ich in einem Laden für Friseurbedarf für 6,-€ das Stück erhielt, davor 4 selbst eingefärbte und mit Alufolie umwickelte handelsübliche Elektroglühbirnen, dazu 4 analoge Dimmer, Baumarktpreis 14,-€ das Stück.
Erstmals zeigte ich diese besonderen Farbschatten der Öffentlichkeit in meinem Diplom 2002. Später dann noch im selben Jahr zum Turmfest des Ernemannturmes in Dresden, und seit 2004 ist die farbige Schatteninstallation im Elisabeth Kinderkrankenhaus in Halle/Saale zu sehen.
Für alle 3 Installationen zusammen erhielt ich insgesamt ein Honorar, das weit unter dem Materialbeschaffungspreis lag. Doch insgesamt war ich sehr stolz darauf, ganz allein ein Prinzip gefunden zu haben, mit dem man in spielerischer Interaktion mit dem Besucher und Rezipienten beliebig viele spektakuläre Bilder und Geschichten erzeugen konnte.
Nur der entsprechenden Vermarktungsstrategie, die Sache wirklich rentabel zu machen, hätte es noch bedurft, dazu die entsprechenden Kontakte zur Presse, Medien und Sponsoren.
Dann kommen Sie ins Spiel
Sie werden sich vielleicht erinnern, oder Ihre Sekretärin wird es, dass Sie vor ca. einem Jahr eine E-mail von mir erhielten, indem ich Ihnen meine Bewunderung gegenüber Ihrer Arbeit bekundete, mit einen Link zu meiner Website auf der die Farbschatten zu sehen waren, und einer Interessenbekundung zu einer möglichen Zusammenarbeit mit dem von Ihnen gegründeten Institut für Raumexperiment.
Ihre Mitarbeiterin bedankte sich damals für das Lob, teilte mir jedoch mit, dass eine Zusammenarbeit nicht in Frage komme. Nach einem neuerlichen Besuch Ihrer Website, denn ich interessierte mich auch in diesem Jahr für ein Stipendium in Ihrem Institut, stellte ich fest, dass Sie farbige Schatten auf die gleich Weise projizieren.
Sie stellen dieser Fabschatteninstallation meines Wissens mindestens zweimal, in der Tanya Bonakdar Gallery in New York und im Martin Gropius Bau in Berlin aus. Und das etwa ein dreiviertel Jahr, nachdem ich Ihnen einen Link zu meiner Website schickte, auf dem eben diese Farbschatten und der konzeptionelle Aufbau der Installation zu sehen sind.
Sie wurden für diese Installationen weltweit bewundert, geehrt und gelobt, etwa von fastcompany.com, die über Sie schrieben:
Zit: "Using just a series of colored lights and basic principles of optics, Eliasson makes magic."
In einem Interview mit dem Art Magazin äußerten Sie:
Zit: "Ich glaube, man kann heute nicht mehr von Authentizität reden in dem Sinne, dass ein Kunstwerk der Träger einer Wahrheit ist...Ich glaube wirklich, das Insistieren auf Authentizität ist kontraproduktiv für das Potenzial der Kunst."
Herr Eliasson,
drückt dieses Zitat wirklich Ihre Einstellung zu der künstlerischen Leistung und das Urheberrecht Ihrer Künstlerkollegen aus? Wenn ja, dann kann Sie zu Ihrem geschäftlichen Erfolg nur beglückwünschen, denn Sie erregen mit Ihren Installationen im Gegensatz zu mir sehr viel Aufmerksamkeit, werden international hoch gehandelt und mit Preisen überhäuft.
Herr Eliasson, wen genau meinen Sie eigentlich, wenn Sie hier von "kontraproduktiv für das Potenzial der Kunst" reden, (denn wer kann es sich schon anmaßen, für die Kunst im Allgemeinem zu sprechen), wenn nicht sich selbst?
Sie meinem also demnach, das Beharren der Künstler auf ihr Urheberrecht sei kontraproduktiv für Sie? Das mag sein. Nur ist damit dem tatsächlichen Urheber nicht geholfen....
Meine Farbschatten sehen aufgrund meiner oben geschilderten eingeschränkten technischen Möglichkeiten etwas verschwommen aus, sind nicht so gestochen scharf, wie Ihre. Doch gute Technik, mit der das zu erreichen wäre konnte ich mir leider nicht leisten.
Nichts desto trotz hatte ich die Idee für dieses Installationskonzept nachweisbar viel eher als Sie, auch wenn ich nicht über die entsprechenden Kontakte verfüge, um das Potential dieser Idee richtig groß herauszubringen.
Es wäre daher eine positive Geste von Ihnen, im Sinne von Fairplay eines eindeutig schwächeren Kollegen gegenüber, wenn Sie es zumindest vor Ihren Bewunderern erwähnen würden, dass die Idee des Konzeptes für die Farbschatten in dieser konkreten Anordnung nicht von Ihnen stammt, sondern von mir.
Ich denke, Sie würden dabei nicht viel verlieren, höchstens ein kleinen wenig Stolz. Schließlich sind Sie ja noch mit vielen anderen Dingen berühmt. Sie hätten aber viel zu gewinnen, nämlich die Achtung von anderen Künstlern, die nicht so berühmt sind wie Sie. Und nicht zuletzt vielleicht auch ein kleinen wenig Selbstachtung. Wäre das nicht ein gerechter Deal?
Ich bin sehr gespannt, Ihre Meinung darüber zu hören, und warte auf Ihre Antwort bis zum 18.08.
mit freundlichen Grüßen: I. S.
PS:Ich brauche Ihnen sicher nicht zu erklären, wie schwierig es ist, menschliche Substanz in die Kunst zu bringen, ohne die Kunst aber nicht überleben kann. Es ist wohl das schwierigste an der Kunst überhaupt. Picasso ist das wohl gelungen, doch viele abstrakte Künstler sind daran gescheitert, und werden deshalb von Vielen heute als öde und langweilig empfunden. Wie ich das sehe, haben auch Sie damit zu tun, und wenn Hugo Boadas im kunstblog.com über Ihre Ausstellung im Martin Gropius Bau schreibt
Zit.:"...Der Kunst würde daher viel eher entsprechen Erkenntnisobjekte zu schaffen, die zum Katalysator für die Konstruktion von Wirklichkeit werden könnten. Das ist, wie ich gerne zugebe, viel verlangt. Es hätte aber etwas mit der Konstruktion von Wirklichkeit zu tun und die aufklärerische Absicht hätte dann wenigstens einen Gegenstand für die Arbeit an der Logik des Irrationalen..."
dann vermisst er meiner Ansicht nach in Ihrer Ausstellung genau diese menschliche Substanz. Und doch ist es das einfachste auf der Welt, denn die menschliche Substanz liegt direkt vor unseren Füßen, man darf sie sogar kostenlos aufheben und unter bestimmten Bedingungen sie für sich verwenden. Auch ich suchte damals nach einer Möglichkeit, menschliche Substanz in meine damals etwas abstrakten und substanzlosen Lichtinstallationen zu bringen, und die farbigen Schatten waren die Antwort auf mein Suchen.
PPS:Ich weise Sie vorsorglich darauf hin, dass ich über ein umfangreiches Foto- und Skizzenmaterial verfüge, das eindeutig meine Urheberschaft für die geschilderte Installation sowie den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung belegt. Ferner wären zahlreiche Zeugen bereit, genau das zu bezeugen.


Abb.1. und 2.: Links sehen Sie ein Foto von einem farbigen Schatten,C Istvan Seidel, (aufgenommen 2002), rechts: Olafur Eliasson: "Multipe Shadow House" in der Tanja Bonakdar Gallery 2010 in NewYork.